Baugeschichte
Baugeschichte des Gymnasiums Kreuzgasse
Baugeschichte des Gymnasiums Kreuzgasse
Quatermarkt und Kreuzgasse
Die Geschichte des Städtischen Gymnasiums Kreuzgasse in Köln ist nicht nur eine Geschichte wechselnder Schulformen, sondern auch wechselnder Standorte und Bauten. Als die Schule am 7. November 1828 als städtische "Höhere Bürgerschule" eröffnet wurde, hatte die Stadt als Standort den ehemaligen "Quatermarkt" und das daneben liegende Wohnhaus des städtischen Münzmeisters gewählt, d.h. einen Ort, der heute noch den alten Namen trägt und gegenüber der Westfront des Gürzenichs liegt. Der Name Quatermarkt stammt von einer alten Kölner Kaufmannsfamilie, die hier im 13. Jahrhundert ein großes Patrizierhaus errichtet hatte, das etwa ab 1400 nicht mehr als Wohnung diente, sondern für besondere Festlichkeiten - Hochzeitsessen, Doktorschmäuse und 1579 sogar für die Friedensverhandlungen zwischen Spanien und den Niederlanden - verwendet wurde. Um das Haus für solche Feste und Versammlungen zu erhalten, kaufte es die Stadt Köln 1561 und baute es neu auf. Die durch Zinnen abgeschlossene Außenmauer dieses Baus und die großen Kreuzfenster des Saales in der oberen Etage gaben dem Platz mit dem gegenüberliegenden Gürzenich, der Münze und der Kirche St. Alban ein recht einheitliches spätmittelalterliches Gepräge. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude baufällig, so daß es einschließlich des daneben liegenden Hauses des Münzmeisters 1827 abgebrochen werden mußte. Das Grundstück wurde dann für den Neubau der Höheren Bürgerschule gewählt, der von dem Stadtbaumeister Johann Peter Weyer errichtet wurde; der Hauptbau enthielt die Klassenräume, im Nachbarbau war die Wohnung des Direktors untergebracht. Das Schulgebäude war für 240 Schüler eingerichtet, die Nachfrage nach dieser modernen, durch die Lehrinhalte auf die wirtschaftlich-technischen Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums angelegten Schulform war jedoch so groß - bereits 1835 gab es 300 Schüler, 1868 waren es 654 - daß von Anfang an ein spürbarer Raummangel herrschte. Es gab teilweise Klassen von bis zu 100 Schülern, und wegen des viel zu kleinen Schulhofes mußte man sich während der Pausen in den Klassenräumen und Gängen aufhalten. Aula, Zeichensaal, Gesangssaal und Konferenzzimmer waren in den Unterricht einbezogen, und in einer der Eingaben des Schulleiters Eschweiler heißt es: "In den wissenschaftlichen Sammlungen liegt es haufenweise übereinander, und weder diese noch das chemische Laboratorium, das eher einer Schmiede ähnlich sieht, noch auch der physikalische Apparat der Anstalt entsprechen dem Standpunkte, den man gegenwärtig an eine Real- oder höhere Bürgerschule überall zu machen berechtigt ist." Die Schulleitung verlangte zunächst eine Erweiterung durch Ankauf benachbarter Häuser und schließlich einen Neubau der Schule, für den das Programm ab 1857 entworfen wurde, dessen Ausführung jedoch wegen der Kriegsgefahr von 1859 und den damit für die Stadt verbundenen Kosten vorläufig unterblieb.
Drei Jahre später jedoch, am 11. Oktober 1862 - inzwischen war die Anstalt "Realschule erster Ordnung" geworden - wurde der Neubau bezogen. Dieser lag etwa 400 m westlich vom Quatermarkt an der Kreuzgasse, auf dem Grundstück des ehemaligen Kreuzbrüderklosters. Die Kreuzbrüder - eine nach der Augustinerregel lebende Bruderschaft - hatten das Gelände 1309 erworben und zunächst eine Barbarakapelle darauf errichtet. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstand ein Kirchenbau, der etwa das Aussehen der heutigen Antoniterkirche an der Schildergasse hatte. wurde von 1487-1499 ein größerer, durch Streben und hohe Fenster differenzierter und das alte Schiff stark überragender spätgotischer Chor mit Dachreiter angefügt. Ein südliches Seitenschiff mit drei Querdächern und Fenstern aus Fischblasenmaßwerk schloß sich an das wahrscheinlich recht schmale Hauptschiff an, 1797 wurde das Kloster säkularisiert und 1804 von den Franzosen als Nationaleigentum versteigert und anschließend abgebrochen.
Auf dem Grundstück wurde ein großes Gebäude errichtet, das nach 1815 zeitweise preußisches Polizeipräsidium wurde. 1858 erwarb die Stadt das Gelände und ließ durch den Stadtbaumeister Raschdorff, der später u.a. noch das Kölner Schauspielhaus und den Berliner Dom errichten sollte, den Neubau der Schule schaffen, der 15 Klassen und alle weiteren notwendigen Räume, bis auf eine Turnhalle, umfaßte. Auch den Anforderungen des modernen naturwissenschaftlichen Unterrichts war Rechnung getragen, etwa durch das besonders ausgestattete physikalische Kabinett im ersten Stockwerk, unmittelbar neben der Wohnung des Direktors, der aus seinem Arbeitszimmer sofort in die physikalische Sammlung gelangen konnte. Es gab einen Hörsaal mit terrassenförmig ansteigenden Sitzreihen und einem Ihm Experimentiertisch, zwei Sammlungszimmer für physikalische Geräte und eine Reihe weiterer kleiner Räume, die alle mit einer neuen Gasleitung verbunden waren. Da noch keine zentrale Wasserleitung vorhanden war, wurde das Wasser einem Brunnen auf dem Schulhof entnommen und mit Hilfe einer Druckpumpe in einen Behälter auf den Speicher gepreßt, von wo aus Leitungen in alle Räume des physikalischen Kabinetts führten. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn der Bau überall in höchsten Tönen gelobt wurde. In einem Verwaltungsbericht der Stadt heißt es: "Der vollendete Bau des Gebäudes für die Realschule ist eine Zierde der Stadt und verfehlt nicht den Eindruck der Großartigkeit auf alle zu machen, die mit prüfen dem Blick die Anstalt besuchen", und ein Ministerialerlaß aus dem Jahre 1868 enthält den Satz:
"Das Realschulgebäude in Köln gehört zu den schönsten und zweckmäßigst eingerichteten im ganzen Lande, und für den naturwissenschaftlichen Unterricht ist es mit allen Hilfsmitteln vorzüglich ausgestattet." Architektonisch war die Schule ein historisierender Bau des 19. Jahrhunderts, der durch die Verwendung von Baustoffen und Stilelementen norddeutsche Backsteingotik nachahmte. Zwei Vierpaßfriese - der obere war mit einem Spitzbogenfries verbunden - teilten das zweite Stockwerk der Fassade von den darüber liegenden Zinnen und den beiden unteren Fensterreihen ab, die aus Zwillingsfenstern mit niedrigen Segmentgiebeln bestanden. Das Obergeschoß zeigte neun breite, gotisierende Fenster, hinter denen sich in der Mitte die Aula befand.
Das ebenfalls spitzbogig überhöhte Eingangstor lag genau in der Mittelachse der Vorderfront. Insgesamt war die Fassade gerade unter dem Aspekt historisierender Architektur sicherlich ein Fremdkörper im Kölner Stadtbild.
Das Prunkstück im Inneren aber war die Aula, die mit 13 Gemälden "zur deutschen Geschichte am Rhein" geschmückt war. Sie befanden sich in einer Zone oberhalb der Fenster, füllten die gesamte Stirnwand und die seitlichen Teile der Rückwand. Von Caesars Rheinübergang bis zum Einzug der siegreichen Truppen im Jahre 1871 war die gesamte Geschichte, vorwiegend die der deutschen Kaiser und der brandenburg-preußischen Herrscher, bildlich dargestellt. Im Mittelpunkt der Stirnwand aber dominierte das Bürgertum durch die Darstellung des Friedensschlusses der Hanse mit Waldemar von Dänemark im Hansesaal des Kölner Rathauses. Im Laufe der nächsten Jahre wurde die "Kreuzgasse", wie sie nun genannt wurde, zuerst zum Realgymnasium und schließlich 1895 zur Doppelanstalt des "Gymnasiums und Realgymnasiums". Folglich war der Hof bald zu klein, wieder fehlten Klassenräume. Bereits 1882 wurde eine Turnhalle hinzugefügt, die aber kaum zufrieden stellte, da sie nur einen Zugang von innen besaß und nur schwer zu belüften . 1896 wurden die Dachkammern zu Klassen ausgebaut, zwei Jahre später installierte man die erste elektrische Beleuchtung. Da Ankaufspläne für benachbarte Grundstücke nicht verwirklicht werden konnten, gab es zeitweise Überlegungen, die Schule an den Hansaring zu verlegen. Schließlich bahnte sich aber zu Beginn des Jahrhunderts doch eine spürbare Verbesserung an. Anliegende Grundstücke wurden erworben, so daß der Hof erweitert und 1905 eine neue Turnhalle errichtet werden konnte. Ein biologisches Kabinett entstand, und die dritte Etage wurde vollständig ausgebaut. Hier wurden ein Chemie- und ein Zeichensaal eingerichtet, wodurch in dem mittleren Stockwerk Raum für neue Klassen frei wurde. Im ersten Stock gab es ein neues Lehrerzimmer, im Untergeschoß eine Bibliothek und ein Direktorzimmer.
Auch nach dem ersten Weltkrieg wurde beinahe ständig weitergebaut, ein weiterer Bibliotheksraum, ein Elternsprechzimmer und neue, moderne physikalische Arbeitsräume. Eine Besonderheit aber waren die neuen Werkstätten von 1924, eine Schlosserei, eine Schreinerei und eine Buchbinderei, die eine ideale Grundlage für den neu entstandenen Werkunterricht bildeten.
In der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1943 brannte die Schule nach einem Bombenangriff vollständig aus. Sie sollte an dieser Stelle nicht wieder entstehen.
Wolfgang Herwick